Die Küche als Lernraum

Warum Essen in unseren Seminaren mehr ist als Verpflegung.

In unseren Seminaren ist das Essen ein Teil der Lernerfahrung. Sorgfältig zubereitete Mahlzeiten tragen dazu bei, dass sich Teilnehmende wohlfühlen, konzentriert lernen, zur Ruhe kommen und mit neuer Energie nach Hause fahren.

Gerade in mehrtägigen, intensiven Seminaren wird oft unterschätzt, wie sehr Essen Stimmung, Offenheit und Aufmerksamkeit beeinflusst. Ein Seminar fordert nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Menschen: Aufmerksamkeit, Offenheit, Gefühle, Gemeinschaft und körperliche Energie.

Gruppe von Teilnehmenden in einer Lehrküche vor einem großen Büfett
Offene Lehrküche in Moliets-et-Maa, Frankreich, 2004.
Marktregal mit frischem Obst und Gemüse
Saisonales Obst und Gemüse.

Eine Küche mit Aufmerksamkeit

Unsere Küche orientiert sich an traditionellen Ernährungsprinzipien, die in vielen Kulturen seit Jahrhunderten bekannt sind. Im Mittelpunkt steht der Gedanke des Gleichgewichts nach dem Yin-Yang-Prinzip: Speisen können stärken, ausgleichen, beruhigen oder anregen, je nach Situation und Bedürfnis. Wir achten besonders auf

  • eine ausgewogene, überwiegend pflanzliche Vollwertküche,
  • die Qualität der Zutaten und frische, saisonale Produkte,
  • Bekömmlichkeit durch passende Zubereitung,
  • Vielfalt und Geschmack,
  • Klima, Wetter und die Bedürfnisse der Gruppe,
  • Allergien, Unverträglichkeiten sowie kulturelle und persönliche Ernährungsweisen.

Wir schreiben niemandem eine bestimmte Ernährungsweise vor.

Lernen ohne Worte

Viele Teilnehmende entdecken bei uns nicht nur neue Gerichte und Geschmäcker, sondern eine neue Beziehung zum Essen. Sie erleben selbst, wie Ernährung mit Wohlbefinden, Energie und Stimmung zusammenhängen kann. Für viele wird daraus eine Anregung für den eigenen Alltag.

Die Küche ist offen. Wer möchte, schaut zu, fragt nach und kocht mit. So wird sie zu einem stillen Lehrer: ohne Vortrag, aber spürbar.

Wie das im Alltag aussehen kann, hat Axel Bergdolt über viele Jahre in seiner offenen Küche in Portugal erlebt: An zwei bis drei Tagen pro Woche kochten dort Jugendliche mit. Sie lernten, Lebensmittel nach Herkunft, Jahreszeit und Zubereitungsart zu unterscheiden und daraus ausgewogene Mahlzeiten zu kochen.

Ein Blumenkohl im Querschnitt: kleine Entdeckungen beim gemeinsamen Kochen.
Ein Blumenkohl im Querschnitt: kleine Entdeckungen beim gemeinsamen Kochen.
Reihe angerichteter Teller mit Gemüse, Getreide und Salat
Mittagessen beim Erasmus+-Kurs Ritmo Vivo, Azoren, Oktober 2025.

Sorgfalt und Gastfreundschaft

Kochen ist für uns eine Form von Aufmerksamkeit und Respekt gegenüber den Menschen, die an unseren Seminaren teilnehmen. Jede Mahlzeit soll nicht nur satt machen, sondern Freude und Verbindung schenken und das gemeinsame Lernen bereichern.

Unser Wunsch: dass Teilnehmende nicht nur mit neuem Wissen nach Hause fahren, sondern auch mit mehr Energie, mehr innerer Balance und guten Erinnerungen an eine Küche, die mit Herz und Erfahrung geführt wurde.

In der traditionellen östlichen Vorstellung wird Nahrung zu Blut, und Blut nährt den ganzen Körper. Es gilt als eng verbunden mit Gefühlen, Gedanken und innerem Gleichgewicht. Wir verstehen diesen Gedanken als Einladung, über das eigene Essen nachzudenken, nicht als medizinische Aussage.

Axel Bergdolt

Unsere Angebote rund um Ernährung sind Bildungsangebote. Sie ersetzen keine ärztliche, ernährungstherapeutische oder psychologische Beratung.

Fachbeitrag: Frauen stärken – Ernährung als eine Säule von vielen

Von Axel Bergdolt. Beitrag zum Erasmus+-Training „Women Empowerment“ von Origó Műhely, Budapest, September 2026. Das Training richtete sich an Frauen, die Gewalt, Grenzverletzungen oder große Belastungen erlebt haben, und an Fachkräfte, die sie begleiten.

Ernährung heilt kein Trauma. Sie ersetzt weder Therapie noch ein sicheres Umfeld oder professionelle Hilfe. Sie kann aber eine unterstützende Säule sein: Regelmäßige, warme und ausgewogene Mahlzeiten tragen zu Ruhe, Schlaf, Energie und Konzentration bei. Das sind Grundlagen, um im Alltag handlungsfähig zu bleiben.

Das Yin-Yang-Prinzip bietet dafür eine einfache Orientierung ohne Urteil. Es kennt kein Gut oder Böse, sondern ordnet nach Qualitäten wie aktiv und ruhig, warm und kühl, zusammenziehend und ausdehnend. Wer mit Belastungen und Extremen zu tun hat, kann die eigene Situation so mit etwas Abstand betrachten: nicht als Frage nach Schuld, sondern als Frage nach Gleichgewicht. Die Verantwortung für Gewalt liegt immer bei denen, die sie ausüben.

Im Seminar ging es um einfache Schritte für den Alltag:

  • eine überwiegend pflanzliche, ausgewogene Küche mit Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchten,
  • regelmäßige warme Mahlzeiten,
  • Maß halten bei Extremen wie viel Zucker, Alkohol oder sehr salzigem Essen,
  • genug Ruhe und Schlaf, sanfte Bewegung und Atemübungen,
  • Gemeinschaft, zum Beispiel in Frauenkreisen.

Stärke heißt aus dieser Sicht nicht, härter zu werden. Es heißt, die eigene Mitte zu stärken: stabil, geerdet und selbstbestimmt.

Eindrücke aus dem Training „Women Empowerment“, Budapest 2026. Untertitel auf Italienisch. Video: Origó Műhely

Dieser Beitrag ist ein Bildungsangebot und keine Beratung. Wenn Sie Gewalt erleben oder erlebt haben: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist in Deutschland rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 116 016.